Prekär war es schon immer

Covid-19 aka Lockdown: Der verordnete Stillstand macht die prekäre Lage, in der sich Kulturarbeit oftmals befindet, endgültig sichtbar. Die Auswirkungen des Coronavirus werfen zugleich eine grundsätzliche Frage auf: Wie wird die derzeitige Krise die Kultur prägen?

Die durch Covid-19 ausgelöste globale Pandemie liess unsere Kulturszene in eine existenzielle Krise schlittern, nachdem der Bundesrat Mitte März das Verbot von öffentlichen Veranstaltungen erlassen hat. Das gesellschaftliche Leben wurde zu einem grossen Teil eingefroren, die Wirtschaft entschleunigt. Den Kulturunternehmen wurde der Veranstaltungsbetrieb verunmöglicht. Und die Kulturschaffenden wurden daran gehindert, ihren Beruf auszuüben. Viele Kulturunternehmen und -organisationen, Clubs, Veranstalter, freischaffende Künstlerinnen, Kleinstunternehmer und Kulturtäterinnen sowie weitere Akteure gerieten innert kürzester Zeit finanziell arg in Bedrängnis und sahen sich vor neue Tatsachen gestellt. Dabei eint alle Betroffenen, dass sie allzu oft kein geregeltes Einkommen erzielen können, weil sie auf zeitlich befristete Aufträge angewiesen sind – welche nun abrupt weggefallen sind. Die Pandemie hat so eine Prekarität zum Vorschein gebracht, die nicht eine erstmalig aufgetretene Ausnahme ist, sondern ein stetiger Bestandteil der Situation von vielen Kunst- und Kulturschaffenden.

Anerkennung der Kultur als Wirtschaftszweig

Für den Erhalt der kulturellen Vielfalt sowie ihrer Orte, Veranstalterinnen und Arbeitsplätze wurde in den vergangenen Wochen viel unternommen. Eine beispiellose Zusammenarbeit auf nationaler Ebene von verschiedenen Verbänden aller Kultursparten fruchtete: Bisher einmalig in der Geschichte der Schweiz anerkannte der Bund die hiesige Kultur auch als wichtigen Wirtschaftszweig und sprach in einem ersten Schritt ein Rettungspaket. Dieses beinhaltet Sofortmassnahmen, Ausfallentschädigungen und Finanzhilfen, die in relativ unbürokratischer Art und Weise beantragt werden können. Ebenso passiert auf regionaler, künstlerischer Ebene einiges punkto Kultur: Streaming-Angebote, virtuelle Vernissagen oder digitale Kinderkultur sind nur einige Aktionen, die zurzeit stattfinden. Wenngleich diese Unternehmungen keineswegs das Live-Erlebnis ersetzen können, zeugen sie von Schaffensdrang und Innovation – Reaktion statt Resignation, so das gerechtfertigte Credo.

Imagepflege in Krisenzeiten?

Dass aber Kultur in Krisenzeiten als wirtschaftlich relevanter Zweig und Innovationsmotor plötzliche Anerkennung findet, darf durchaus kritisch beleuchtet werden. Natürlich ist nicht verwerflich, Innovation in einem kulturellen Milieu zu suchen. Gerade in der aktuellen Krise wirkt dieses Unterfangen jedoch heikel: Gegenüber stehen sich die öffentlichen Erwartungen an eine «stets lösungsorientierte, stets produktive Kulturszene» und «Kulturschaffende, die nahe am Existenzminimum stehen» – etwas, das notabene nicht erst seit Beginn der Krise eine Tatsache ist. Auch wenn kurzfristig die kulturelle Innovationskraft eine wichtige Rolle spielt, so wird sich Kultur über die Krise hinaus mit ihren unterschiedlichen Rollen und Formaten beschäftigen, Vermittlungsformen aller Art kritisch hinterfragen und neue Formen des Ausdrucks ausloten müssen. Dabei stellen sich auch Fragen an die Kulturpolitik: Sollte es nicht gerade jetzt die Aufgabe der Kulturpolitik sein, Dispute über die Verwundbarkeit unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vernetzung anzuregen?

Lockerungen mit weiteren Massnahmen verbinden

Zusammengefasst ist festzuhalten: Kultur muss während und nach einer Krise nicht nur als Dienstleistungsangebot oder Innovationsmotor betrachtet werden, sondern soll sich als Medium der kritischen Auseinandersetzung stets entfalten können. Dies hat auch Auswirkungen auf die geschnürten Massnahmenpakete – dass zinslose Darlehen als Soforthilfe an nicht gewinnorientierte Kulturunternehmen jemals zurückbezahlt werden können, hängt in entscheidendem Masse davon ab, wie sich das öffentliche Bewusstsein für die Kultur entwickeln wird. Sehen wir Kultur zukünftig offiziell als wichtigen Wirtschaftszweig an und unterstützen sie dementsprechend? Klar ist: Die öffentliche Unterstützung für die Kulturbranche muss auch während einer Lockerung der Einschränkungen beibehalten werden – so wie es bereits im Nationalen Kulturdialog angedacht wird. Denn die Kultur war als Erste von den behördlichen Verboten betroffen und wird vermutlich als Letzte davon befreit. Wie die Kultur damit umgeht, wird sich durch ihre Transformationskraft zeigen. Eine Aufhebung der Prekarität ist damit aber keinesfalls gegeben und muss angegangen werden.

Gianluca Pardini, Geschäftsleiter IG Kultur Luzern

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