Andreas Herrmann bringt in Luzern Rafael Spregelburds «Die Panik» zur Schweizer Erstaufführung.
Sie haben den Schlüssel zum Bankschliessfach des toten Emilio verloren, in Wahrheit aber – aufgepasst jetzt! – fehlt ihnen der Schlüssel zum Weiterleben. Nein, das ist nicht der neue Roman von Paulo Coelho, das ist ein Theaterstück von Rafael Spregelburd; bloss, dass es tut, als sei es ein Film von Pedro Almòdovar. Sie wissen schon: Alle angeknallt und exaltiert. In Deutschland wurde «Die Panik» im Januar 2007 in München erstmals gezeigt, jetzt ist das argentinische Stück auch im Land der Bankschliessfächer angekommen; Andreas Herrmann, Chef des Schauspiels, hat es am Luzerner Theater gleich selber inszeniert. Und siehe da, aus Almòdovar, der Coelho verbirgt, ist im Handumdrehen eine bieder-schweizerische Boulevardkomödie geworden. Sagen wir mal: Birgit Steinegger.
Dabei sind die Themen gross, aber hallo: Die Menschheit ist ohne Gott, und die Toten sind auch weg und vergessen. So wird das Leben ganz absurd, und es lebt sich haltlos und, genau: panisch. Und im Hintergrund bimmeln bei Spregelburd ja immer noch die sieben Todsünden, denen er, inspiriert von einer Bildertafel Hieronymus Boschs, je ein Stück gewidmet hat. Die «Panik» ist der «Trägheit», wie soll man sagen: angelehnt. – ein Begriffpaar, das Spregelburd im Programmheft als «willkürlich» beschreibt. Es handle sich um «zwei Konzepte, die, wenn sie zusammengebracht werden, die Lunte der Bedeutungsmaschinerie in unseren Hirnen entzünden». Schade nur, dass sich die Bedeutungsmaschinerie zumindest in dieser Aufführung nicht dezent in den Hirnen verbirgt, sondern recht offensichtlich auf der Bühne knattert. Die Lunte ist in Luzern ein kurzes Gewitter von Elektrofunk, das aus den Boxen weniger knistert als böllert. Dann geht’s los.
Das Personal dieser «Panik» befindet sich auf einem breit verlegten Plastik, der sich im Verlauf des Abends als aufblasbar erweist. Das gibt ein paar schöne Bilder her, zur Pause aber ist noch nicht aus dem Plastik, freilich aus der Idee die Luft draussen. Die Figuren, die von Spregelburd bereits hübsch aufs Klischee hin gestaltet sind, macht Andreas Herrmann endgültig zu Chargen. Das Spiel ist überkandidelt, hohl und mit wenigen Ausnahmen schwach. Die Esoteriktante, der Psychotherapeut, der Immobilienmakler, die Bankbürokratin, die egomane Künstlerin, der sexuell herausgeforderte Jüngling, die hier nicht weniger als den «Zusammenbruch einer Ordnung» (Spregelburd) vorführen sollen – hach, sie sind wie aus dem Anfängerkurs für Satire. Und für jedes noch so platte Tätärää zu haben. Bloss glaubt man sie in dieser Nummernshow einfach nicht, die Panik; die Panik, im Büro, im Bett, auf der Bühne und im Leben nicht zu genügen. Nur ein einziges Mal an diesem Abend blitzt sie auf: Anja Schweitzer versucht als Medium, den toten Emilio anzurufen. Und als das Publikum noch leidlich über den Scherz lacht, dass sie dies nämlich am Telefon tut, geht am anderen Ende ihre Mutter ran. Da ist sie, die Panik, für Sekunden zu sehen auf dem Gesicht einer tollen Schauspielerin, die man in Luzern vermissen wird, wenn sie jetzt mit zahlreichen weiteren Mitgliedern des Luzerner Ensembles nach Oberhausen wechselt, wo sie auf einen alten Bekannten treffen: Peter Carp, den ehemaligen Schauspielchef und Vorgänger von Andreas Herrmann am Luzerner Theater.
Nach diesem kurzen, wunderbaren Moment ist wieder die Bedeutungsmaschinerie an der Reihe, und weil es keine Menschen, sondern doofe Karikaturen sind, die so geschäftig an ihr kurbeln, ist’s umso schlimmer – da geht dann gar nichts mehr auf, da will die Inszenierung nur noch durchkommen. Jedoch noch bevor einen der verschmockte, mythologisch aufgedonnerte Schluss ereilt, heisst es: «Der Schlüssel ist an einem Ort, der keinen Namen hat.» Und dergestalt in die Tragweite der doppelten Bedeutung eingeweiht, die so ein «Schlüssel» annehmen kann, darf man dann schon peinlich berührt sein. Was das alles soll? Rafael Spregelburd: «Diese ganz dumme Erwachsenenwelt mit ihren billigen Seifenopern-Problemen führt seltsamerweise zum versteckten Puls von etwas Grossem, Erschreckenden, das dahinter zu liegen scheint. Das ist unsere Panik. Wir haben echte Angst davor, das Transzendente zu erblicken, die Bedeutung des Todes zu verstehen.»
Huch. Das Raunen vom grossen Verborgenen hilft leider nicht darüber hinweg, dass der Puls der Theaterkunst an diesem Abend gegen Null verflacht. Dann lieber dumme Erwachsenenwelt.
Text: Christoph Fellmann
Das Kulturmagazin
