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«Freiräume entstehen nicht am Schreibtisch»

Die Diskussion um kulturelle Freiräume ist lanciert. Urban Hodel und Jonas Aebi, Aktivisten der "Aktion Freiraum"*, über das Fehlen eines alternativen Kulturzentrums und die Kritik an der Kulturpolitik der Stadt Luzern.

«Unsere Kultur steht auf der Strasse» ist einer der Slogans der Aktion Freiraum: Was beinhaltet diese Kultur?
Jonas Aebi: Es geht um einen weitgefassten Kulturbegriff. Klar kann man Boa-Konzerte an einem anderen Ort veranstalten, aber die Rahmenbedingungen, ein Ort, wo so viele verschiedene Leute zusammenkommen können – das ist in der Stadt Luzern kaum noch möglich. Urban Hodel: Eine Kultur, die weiter geht als nur Veranstaltungen durchzuführen. Es werden nicht nur kulturelle Freiräume, sondern auch alternative Lebensräume zerstört. Menschen, die solche Lebensräume suchen, werden auf die Strasse gestellt.

Sie fordern Raum für Alternativkultur – was ist Alternativkultur heute?
((langes Schweigen))
Urban Hodel: Ein Begriff, der nicht mehr wirklich zeitgemäss ist.

Aber Sie  brauchen ihn!
Urban Hodel:
Ja, weil die Leute trotzdem verstehen, was man meint. Es ist eine Reduzierung auf einen alten Begriff. Von Alternativkultur kann man dann reden, wenn auch der Rahmen alternativ ist. Auch die Boa ist in dieser Hinsicht mit der Zeit fragwürdig geworden.
Jonas Aebi: Alternativkultur ist immer eine Auflehnung gegen eine andere Kultur. Eine Szene, die sich auflehnt gegen die etablierte Kultur – es ist also immer ein Bezug da und kann nicht für sich alleine existieren.
Urban Hodel: Solche avantgardistischen Bewegungen haben aber dazu geführt, dass die Kultur und das ganze Leben sehr diversitär geworden sind. Inzwischen gibt es aber so viele Subkulturen, die zwischen Kommerz- und Subkulturen schwanken, dass der Begriff schwierig geworden ist.

Sie kritisieren auf dem Flugblatt auch die «marktgängig angerichtete Kultur, die ihre Inhalte längst verloren hat» – am Strassenfest waren aber zum Beispiel Samantha Fox, «YMCA» oder eine Strassenband, die «Kommerzpunk» von Die toten Hosen spielt, zu hören. Polemisch gesagt war es erschreckend, wie wenig alternativ, ja fast schon Mainstream das Fest in den Inhalten war.
Urban Hodel: Das ist sehr böse gesagt, und ich kann ganz klar widersprechen, weil es 20-30 andere Beispiele gibt: Leute, die tagelang kreativ an wilden Wagen herumarbeiten; Leute die sich verkleiden; solche, die veganes Essen zum Selbstkostenpreis verkaufen und eine doch sehr alternative Band auf einem Wagen, die das Programm und die Texte extra auf den Anlass hin vorbereitet hat. In diesem Kontext hat es auch Platz, Songs von Britney Spears abzuspielen. Jonas Aebi: Denn wichtig ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form, wie Kultur gemacht und organisiert wird. Sie fordern auch einen Raum, wo soziale und politische Fragen diskutiert werden.

So ein Ort war die Boa in jüngster Zeit, abgesehen von sehr wenigen Veranstaltungen, aber auch nicht mehr.
Urban Hodel: Das ist eine gewagte Behauptung. Klar ist, dass das Geld ins Musikprogramm geflossen ist, die Partizipation gelitten hat und dass solche Veranstaltungen früher öfter stattfanden. Aber es war trotzdem der einzige Ort, wo dies möglich war, wo politische Sitzungen und Lesungen stattgefunden
haben.
Jonas Aebi: Die Boa war abgesehen davon ein Ort, wo man sich treffen konnte und auch über Politik geredet wurde.

Kann der Südpol diese Funktion nicht übernehmen?
Urban Hodel: Ein Programm kann man natürlich zügeln, was ich jedoch nicht glaube, dass es geschehen wird. Denn ist das Boa-Umfeld gefragt worden, was es überhaupt will? Nein! Man baut einen Palast hin, der keinen Ersatz darstellt.

Hat die alternative Kulturszene denn gegen diese Pläne protestiert?
Urban Hodel: Das Projekt wurde von der Stadt strategisch sehr geschickt eingefädelt. Die Bewegung und die Szene um die Boa war tatsächlich überfordert und hat es zu spät realisiert. Es sind schon Fehler passiert.
Jonas Aebi: Auch die Vielfalt in der Protestbewegung, die man am Strassenfest wieder gesehen hat, war hinderlich. Man versuchte es je auf eigenen Wegen, zum Beispiel mit der zurückgezogenen Boa-Initiative.

Im Südpol sind Personen engagiert, die beim Aufbau der Boa mitgewirkt haben, sich kulturell seit Jahren auch in der alternativen Szene engagiert haben. Wieso werden das Projekt und die Personen trotzdem zum Feindbild?
Urban Hodel:
Mir ist egal, was diese Leute früher, zum Beispiel in der Boa, gemacht haben. Wichtig ist, was jetzt ist – dass Urban Frye, der Kopf des Südpols, Kommerz-Festivals organisiert. Und wenn sie sich das Geld hin- und herscheffeln, weil sie als 50+ in ihren Etagen das Vertrauen zueinander haben, ist mir das egal. Auch wenn sie vielleicht früher das gleiche vertreten haben. Die Realität ist, dass Urban Frye den Kontakt zu unseren Ideen nicht herstellen kann, wenn er parallel solche Veranstaltungen organisiert.
Die Stadt hat mit der Vergabe des Projekts kein Fingerspitzengefühl gezeigt. Es ist ziemlich frech von dieser Gruppe zu sagen, dass sie die Kritik überhaupt nicht verstehen, man müsse doch miteinander reden, und selbstverständlich dürften wir dann kommen und etwas veranstalten.

Haben Sie denn Interesse daran, im Südpol überhaupt mitzuarbeiten oder dafür zu kämpfen, dass Inhalte reinkommen, die Sie gut finden? Im Moment sieht es nach Frontalopposition aus?
Urban Hodel:
Ich kann nur für mich reden: Ganz klar nein. Es ist zwar wichtig, dass man dieses Kulturzentrum dort machen kann, aber es hat nichts mit einem Boa-Ersatz zu tun. Wir wollen die Leute persönlich nicht angreifen. Es ist schön, dass dort Geld für die Kultur investiert wird, für etablierte Kultur, die viel Geld kostet – vielleicht sollte man dieses dem KKL abzweigen. Aber es hat nichts mit dem Kulturkompromiss zu tun.

Der jetzige Protest hat viele überrascht  – was gab den Auftrieb?
Urban
Hodel: Man realisiert sicher erst im Nachhinein, was man verloren hat. Es geht in dieser Bewegung ja um mehr als um den Südpol: Die Stadt kündigt den Kulturkompromiss auf, reisst ein Haus um das andere ab – und es wird gar nicht darüber diskutiert. Man führt einen Wegweisungsartikel und Überwachungskameras ein, obwohl die Stadt sagt, sie habe kein Sicherheitsproblem. Die jungen Leute, welche diese Politik ablehnen, haben keine Stimme mehr. Ziel ist es, dieser Bewegung eine Stimme zu geben,
die Vielfalt als Stärke zu nutzen. In offiziellen Institutionen werden wir kaum vertreten, deshalb muss es auch auf der Strasse passieren.

Sind Sie sicher, dass diese politischen Anliegen von der Mehrheit der Protestierenden am Strassefest getragen werden – oder ist es nicht vielmehr so, dass eine stattliche Anzahl einfach das Konzertlokal Boa vermisst?
Urban Hodel: Die Leute sind zumindest an das Strassenfest gekommen um kundzutun, dass sie mit der Politik der Stadt nicht einverstanden sind – mit
dem Fehlen einer Übergangslösung nach der Schliessung der Boa oder mit dem Konzept des Südpols allgemein.
Jonas Aebi: Wo sich sicher alle finden, ist die Forderung nach einem alternativen Kulturzentrum und einem lebendigen Luzern.

Sie schlagen den «Sonnenberg-Knast» als vorübergehenden Ort vor – ist das ernst gemeint? (beide lachen)
Urban Hodel: Wieso nicht?
Jonas Aebi: Doch, es ist ernst gemeint. Es ginge um eine sehr kurzfristige
Übergangslösung.

Ist es denn die Aufgabe der Stadt, Ihnen Freiraum zu schaffen?
Jonas Aebi: Nein, der Freiraum muss selber erschaffen und erkämpft werden. Die Stadt hat es mit dem Südpol versucht – doch Freiräume entstehen nicht am Schreibtisch.

Was sind die Forderungen an die Stadt?
Urban Hodel:
Das ist der schwierige Punkt. Geplant war unter dem Motto «Reclaim the Streets» erst einmal nur ein Strassenfest als Auftakt. Entstanden ist die Gruppe aus der letzten IKU-Boa-Vollversammlung, wo diskutiert wurde, ob man das Haus besetzen soll oder nicht. Der Polizeieinsatz am 1. Dezember hat alles auf den Haufen geworfen – wir wären natürlich sonst nicht so schnell ins Rampenlicht der Medien gestossen. Ausschlaggebend war auch, dass zwei Besetzungen geräumt wurden – in diesem ganzen Kontext bekam es die Sprengkraft. Das weitere Vorgehen noch völlig offen, kann noch in alle Richtungen geben.

Sie haben also noch kein konkretes Ziel?
Jonas Aebi:
Gerade wenn es um Kultur- und Freiräume geht, muss auch das anarchische Platz haben; der Prozess, wie etwas Neues entsteht. Die Aktion Freiraum ist eine Plattform für Gruppen, die an etwas arbeiten können. Das Anarchische wird ja auch in der kulturpolitischen Standortbestimmung der Stadt der Alternativkultur zugeschrieben.
Urban Hodel: Das Ziel ist sicher der schwierigste Punkt. Wir wollen möglichst viele Leute einbinden und eine Diskussion beginnen. Eine gewisse Institutionalisierung der Bewegung und der Inhalte wird sicher der Knackpunkt der Aktion Freiraum.

Interview: Matthias Burki

*Die Aktion Freiraum hat nach der Drucklegung des Kulturmagazins über das weitere Vorgehen entschieden. Die Aussagen widerspiegeln die Meinungen der Interviewten. Das Interview erschien in einer kürzeren Version auch im Kulturmagazin, Januar 2008