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Der Anfang der Alternativkultur

Die Aktion Freiraum fordert mit Argumenten und Polemik die Politik und die etablierte Kultur heraus. Ihre Forderung: dass die Stadt den Kulturkompromiss nicht bricht und kulturelle Freiräume zulässt. Was das konkret bedeutet, wissen selbst die Initianten noch nicht genau. Kein Grund aber, ihren Unmut nicht ernst zu nehmen.

«Ich glaube, es geht um Freiraum, irgendwie …». Wie eine Mutter ihren kleinen
Kindern am Rande des Strassenfests am 15. Dezember die Aktion Freiraum erklärte, das würde keinem Soziologen besser gelingen: Nach der Schliessung der Boa und der Räumung von besetzten Häusern hat sich eine stattliche Anzahl an Unzufriedenen in der Aktion Freiraum formiert. Erstaunlich viele, vor allem junge AktivistInnen waren es, die an den letzten Planungssitzungen teilnahmen, 600-700 Sympathisanten kamen zum Umzug. Die Aktion profitierte ironischerweise vom Eingriff des Staates mit dem masslos übertriebenen Polizeieinsatz gegen die unbewilligte Demonstration am 1. Dezember. Überraschend ist die Mobilisierung gleichwohl, auch für Tom Burri, Präsident der IKU Boa: «Es identifizieren sich jetzt erstaunlich viele mit der Boa – auch viele, die kulturpolitisch vorher nicht wahrnehmbar waren».

Eine Bewegung formiert sich.
Die Aktion Freiraum hat viele Attribute einer Bewegung, die gegen innen zu mobilisieren und die Unzufriedenheit aufzufangen versucht und gleichzeitig gegen aussen aufschrecken will: Sie ist jung, provokant und strategisch geschickt. Sie operiert mit Schlagworten (Alternativkultur, Freiraum). Sie will Organisationen innerhalb des Kulturbetriebs aufrütteln (Südpol, IG Kultur). Sie spielt auf den Mann: Urban Frye, Präsident des Trägervereins Südpol wegen seinen gleichzeitigen Mandaten für Rose d’Or und Euro-Auslosung. Sie spielt in ihren Flugblättern – bewusst? – mit Verdrehungen (dass das Geld der Boa ersatzlos gestrichen wurde) oder Unwahrheiten (dass die Stadt die Salle Modulable baut, Generation 50+ in den Kulturgremien). Und sie schlägt schliesslich die Stadt mit ihren eigenen Worten, wenn sie auf den Absatz in deren kulturpolitischen Leitlinien verweist, wo steht, dass eine Kulturstadt auch Szenen braucht, die widerspenstig, unreglementiert und anarchisch sind.

Kulturkompromiss auf dem Prüfstand.
Die Themen der Aktion Freiraum sollten, auch mit der offensichtlichen Verortung im politischen Links-Spektrum, der Stadt zu denken geben. Mit ihrer Kritik an der Vorgehensweise der Stadt und dem Konzept des Südpols sprechen sie auch einem Teil der freien, vor allem jungen Kulturszene aus dem Herzen, der mit dem Projekt nie richtig warm geworden ist. Der Südpol ist von A bis Z ein Projekt der Stadt – der jetzt aufkeimende Protest ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass die Stadt in ihrer Kulturraumpolitik eine Richtungsänderung vornehmen
muss. Mitbestimmung ist nur ein Stichwort dazu; viel wichtiger wäre die Erkenntnis, dass die Kulturraumpolitik flexibler – modulable! – werden müsste und für Bedürfnisse wie diejenige der Aktion Freiraum mit «niederschwelligen» Lösungen aufwarten kann. So stelle die Aktion Freiraum eine Generation nach der Erkämpfung der Boa ähnliche und genauso legitime Fragen nach Räumen, die in Autonomie genutzt werden können.

Vielleicht wurde in dieser Hinsicht auch die Leistung der Boa unterschätzt: Sie war nicht nur ein renommierter Ort für Konzerte, sondern auch ein Treffpunkt mit unkomplizierten Strukturen, wie Tom Burri ausführt: «Man konnte einfach kommen, für Sitzungen, Theaterproben usw.». Zudem öffnet sich in letzter Zeit tatsächlich eine Schere zwischen etablierter und freier Kultur: Da wartet eine kaum vermeidbare Betriebs-Unterstützung der Salle Modulable zu einem Zeitpunkt, da den Kulturorganisationen fünf Prozent des Budgets gekürzt wird. Gleichzeitig musste man beim KKL, um es weiterhin auf stabilem Kurs zu halten, zu einer Ausnahmeregelung in Verbindung mit der Revision der Nutzungsrechte greifen. Wo Wille und Druck herrscht, ist auch ein Schlupfloch, lernt die freie Kulturszene. Und schliesslich deckt die Aktion mit der Kritik an der Stadtplanungs- und Sicherheitspolitik ein Vorgehen einer – notabene Mitte-links – Regierung auf, die anderen Städten mit Wegweisungsartikel und Überwachung im öffentlichen Raum folgt. Es geht also um einen Protest, der weit über die Kulturpolitik hinausreicht, irgendwie.

Text: Matthias Burki
Das Kulturmagazin, Januar 2008