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Für den Ausgang ins Hotel?

Kultur in Hotels: Da denkt man an dezente Pianomusik zur Unterhaltung Whisky trinkender Gäste in der Lobby. In Wirklichkeit bieten Hotels kulturell viel mehr. Wieso eigentlich?

Eine internationale, eher ältere Gästeschar sitzt über viele kleine Tische verteilt im Restaurant-Saal des Hotels Montana. Es herrscht entspanntes Stimmengewirr, Service-Personal huscht diskret umher. Mitten im grossen Raum steht ein Flügel, davor sitzt Richard Decker und spielt einen wehmütigen Jazz, daneben Martin Schaefer an der Violine. «Wenn der weisse Flieder wieder blüht – Eine Ode an den Frühling» heisst das Programm an diesem Mittwochabend.

Der gebürtige Pole Decker und Schaefer aus Deutschland, beide 64, sind seit über zehn Jahren die Hausmusiker im Hotel Montana. Decker spielt hier fünf Mal die Woche am Piano, meist in der Louis-Bar. Die Beiden treten sehr gepflegt auf, ihre Blicke gentlemenhaft in den Saal gerichtet, nie auf das Instrument. «Wir müssen spontan auf die Stimmung im Saal reagieren», sagt Decker. Ob es sie denn nicht störe, wenn alle essen? «Darauf richtet man sich ein – unsere Musik ist wie ein Springbrunnen, der im Hintergrund plätschert», so Schaefer.

In der Zwischenzeit spielt das Duo einen träumerischen Walzer, der zum Schwelgen einlädt. Verhaltener Applaus zwischen den Stücken, die Musiker verneigen sich gediegen nach dem Set. «Manchmal fühlen wir uns wie Statler und Waldorf, die beiden Opas aus der Muppet Show», sagt Schaefer lächelnd.

Das Hotel Montana zelebriert sein Kulturprogramm und nennt sich ganz unbescheiden «Kulturhotel der Zentralschweiz» (das tut die Krone Giswil auch – doch dazu später). Hier ist das Kulturprogramm nicht ein Pfeiler neben vielen, sondern ein zentrales Element: «Die Kultur ist bei uns nicht mehr wegzudenken», sagt Maria Büeler Zischler, Leiterin PR & Events. Dafür nehme das Hotel, was das Kulturprogramm anbelangt, das Risiko in Kauf – Defizite deckt hier niemand.

In erster Linie Übernachtungen.
Doch nicht jedes Hotel nennt sich «Kulturhotel» und im Allgemeinen haftet der Kultur in Hotels das Image an, sie diene in erster Linie der seichten Unterhaltung der Gäste. Blues- oder Jazzkapellen in der Lobby, wo sich der zähe Geräuschteppich mit dem Zigarrenrauch vermischt. Ist das überhaupt noch Kultur? Oder werden die Veranstaltungen womöglich unterschätzt?

Viele Hotels sehen ihr Kulturprogramm (oft Events genannt) als Ergänzung zum örtlichen Unterhaltungsprogramm und durchaus als Beitrag an die Kulturvielfalt. Während die tiefe künstlerische Auseinandersetzung anderswo stattfindet, steht bei den Hotels der unterhaltende, leichte Charakter im Vordergrund. Allerdings sind die Zeiten vorbei, als der Pianist nur für die Hotelgäste spielte. Das Programm soll genauso Nicht-Gäste ansprechen, darin sind sich die Hotels einig – ob Einheimische oder Touristen spielt keine Rolle.
Beim Dachverband der Luzerner Hotels, dem Hotelierverband, ist man der Meinung, dass die hiesigen Hotels ein gutes Kulturprogramm betreiben, bleibt aber auf dem Boden: «Der künstlerische Bereich gehört nicht zu den Hauptaufgaben eines Hotels, in erster Linie bieten sie Übernachtungen an», so Verbandspräsident Patric Graber. Ganz nach dem Motto: Ein Kulturangebot ist gut, solange es rentiert, doch Hotels sind nicht der Ort für Experimente.

Bei den Hotels, die überhaupt ein ernsthaftes kulturelles Programm bieten, lassen sich zwei Tendenzen ausmachen: Auf der einen Seite die Meinung, kulturelle Darbietungen seien «nice to have» – solange sie den finanziellen Rahmen nicht sprengen. Das Motiv lautet hier klar: Die Kultur muss Leute anziehen und sogar kurzfristig Geld einbringen.
Auf der anderen Seite die Hotels, die Kultur auf ihre Flagge schreiben, ihr Zeit geben, sich zu entfalten, kurz: Wo Kultur über längere Zeit ein zentrales Element darstellt und intern quersubventioniert wird. Doch auch hier muss die Kultur helfen, Gäste zu generieren. Zu den Häusern mit einem überdurchschnittlichen Kultur-Programm gehören beispielsweise die Hotels Schweizerhof, Wilden Mann, Continental und Montana in Luzern sowie die Krone in Giswil. Ihre Konzepte unterscheiden sich bei genauerer Betrachtung voneinander:

- Das Prinzip Abwechslung: Neben Anlässen wie dem Blue Balls sind es im Hotel Schweizerhof die Bar-Pianisten, die für das kulturelle Leben im Haus besorgt sind. Doch anders als im Montana, gibt es keine Hauspianisten. Regelmässig wechseln die Musiker, und nicht selten werden sie aus Übersee engagiert (siehe Übersicht). Damit habe das Hotel laut Rolf Kälin, F&B-Manager, Erfolg, das Budget für die Pianisten steige stetig. Doch vom Kulturprogramm herrscht hier eine Auffassung, wie wir sie eher von Wettkämpfen kennen: «Wenn es nicht läuft, dann ist es das letzte Mal», so Kälin, «letztlich muss es immer Geld bringen.»

- Das Prinzip Nischenkultur: Das Hotel Wilden Mann setzt ganz auf das Mittelalter, wie es in dieser Konsequenz und Authentizität wohl kein anderes Hotel hierzulande tut. Die Rittermahle, Dinnerkrimis oder das Esstheater gehören zum festen Hotelbestandteil. «Anfangs hat das kaum rentiert», sagt Sandra Babey, «inzwischen ist es kostendeckend.» Doch sie stellt klar: «Ohne Anfangsrisiko wäre das jetzt nicht so.» Das Erfolgsrezept heisst also: Nischenprodukt, kombiniert mit langfristigem Denken. Auf die Frage nach dem Wieso muss Babey nicht lange überlegen: «Es ist doch langweilig, immer das Gleiche zu tun, ein Gastgeber muss seine Gäste überraschen!»
Zu den Nischenanbietern kann auch das Hotel Seeburg in Luzern mit der Theaterbühne gezählt werden: Seit 2003 werden die in der Region einzigartigen «commedia dell'arte»-Stücke aufgeführt – angelehnt an die Aufführungen auf den Piazza, wie es im frühen Italien lange üblich war.

- Das Prinzip Konstanz: Das Hotel Krone im obwaldnerischen Giswil setzt mit einer Konsequenz auf Kultur, die seinesgleichen sucht – hier gehört die Kultur seit 1989 ins Betriebskonzept. «Wir haben die Kulturbezeichnung über Jahre wachsen lassen», sagt Geschäftsführer Thomas Kuster. Die schon lange existierende Kulturbeiz wurde nun durch ein weiteres Element komplettiert: Im Oktober wird offiziell das «Kulturhotel» eröffnet – eine Bezeichnung, die nicht übertrieben scheint, wurde doch der Umbau vom Künstler Franz Brivé gestaltet (siehe Übersicht). Kleinkunstanlässe wie die Lesungen «Vo Gschicht zu Gschicht» oder die Sommerkonzerte erlangten über die Kantonsgrenze hinaus Bekanntheit. Zudem wird in der Krone finanziell nicht jeder Anlass isoliert betrachtet, vielmehr werden defizitäre Anlässe aus dem übrigen Betrieb querfinanziert. Hotelgäste sollen in der Krone spezifisch auch durch das Kulturprogramm generiert werden. «Bei uns muss das Gesamtkonzept stimmen», sagt Kuster.

Auch im Montana soll die Kultur letztlich natürlich Gäste generieren, konkret: Jemand, der sich in der Louis Bar die Jamsessions anhört, soll früher oder später auch für ein Essen im Restaurant gewonnen werden. Dafür ist die Konstanz das A und O – eine Konstanz, wie sie Schaefer und Decker Woche für Woche vormachen.

Text: Jonas Wydler
Das Kulturmagazin, Juli/August 2007

 

Kulturangebote in Hotels – eine Auswahl:


Montana
Immer von Dienstag bis Samstag spielt Richard Decker am Piano in der Louis Bar und im Restaurant. Immer donnerstags finden die weitherum beliebten Jamsessions statt, mit einem Trio um Decker, wo Besucher mitjammen können. Der jährliche Hauptanlass des Montanas ist aber das Esstheater – das nächste und bereits zehnte Esstheater wird ab 18. November unter dem Titel «James bittet zum Dinner» aufgeführt.
Weitere Anlässe: FR 20. Juli: John Crampton (GB), DO 9. bis MI 15. August: Ausstellung «Der Louvre zu Besuch in Luzern», SA 11. August: Willy Lakatos (Ungarn), FR 24. August: The Booze Brothers
www.hotel-montana.ch

Schweizerhof
Verteilt über den ganzen Monat Juli spielt der Pianist Richie Ellis aus Philadelphia im Schweizerhof. Für das Blue Balls Festival vom 20. bis 28. Juli ist das Hotel Schweizerhof einer der Hauptaustragungsorte. Während des ganzen Festivals finden Konzerte im und um das Hotel statt.
www.schweizerhof-luzern.ch

Krone Giswil
Das Hotel Krone wartet mit einem vollen Konzertsommer auf. Daneben hat das Kultur-Hotel auch noch anderes zu bieten: Die Artothek mit Kunst zum mieten, eine Bibliothek mit Büchern von AutorInnen, die schon in der Krone gelesen haben und eigens von Künstlern gestaltete Zimmer. Die nächste Lesung «Vo Gschicht zu Gschicht» findet im November statt. Nächste Konzerte: DO 19. Juli: El Grupo Huracan, DO 26. Juli: Dschané, DO 2. August: B.B. & The Blues Shacks, DO 16. August Yvonne Moore.
www.krone-giswil.ch

Continental
Im Restaurant Bellini des Hotels Continental findet Kultur statt: Zum Beispiel das Latin-Festival von MI 19. bis FR 21. Juli. Daneben noch bis DO 9. August zu sehen: Die Ausstellung «Das Tessin», mit Fotografien von Franca Pedrazzetti. www.continental.ch

Palace
Jeden Freitag das Friday-Jazz auf der Terrasse oder in der Lobby, daneben bis Mitte August jeden Sonntag eine Jazz-Matinée auf der Terrasse.
www.palace-luzern.ch

National
Täglich ein Pianist in der Piano-Bar, ausserdem ab Oktober jeden ersten Mittwoch im Monat «Swinging-Time».
www.national-luzern.ch