Wenn am 4. November die Boa schliesst, geht in Luzern auch die Ära der Alternativkultur zu Ende. Das muss nicht schlecht sein.
«Der Stadtrat hat entschieden, den Kulturbetrieb bis 4. November 2007 weiterzuführen. Bei seinem Entscheid ist der Stadtrat vor allem von sicherheitspolitischen Überlegungen ausgegangen.» Sprich: «Die Gefahr einer Besetzung wäre gross.» Das Communiqué, das die Luzerner Stadtregierung Ende April veröffentlicht hat, spricht in seiner entwaffnenden Ehrlichkeit Bände. Offenbar geht es am Geissensteinring schon lange nicht mehr darum, Kultur zu ermöglichen. Oder die Übergangszeit zwischen der Schliessung eines der wichtigsten Kulturhäuser der Stadt und seiner Neueröffnung im September 2008 (im Kulturwerkplatz Luzern-Süd) möglichst kurz zu halten. Wichtig scheint, dass die neue Mieterin, die Post, im November das Gebäude möglichst reibungslos übernehmen kann.
Nicht weniger deutlich ist aber die Reaktion der IKU Boa: Sie erklärte sich abermals bereit, den Boa-Betrieb zu verlängen. Veranstalten am Rockzipfel der Stadt. Man kann diese Vorgänge als Bagatelle abtun. Man kann sie aber auch mit guten Gründen als charakteristisch deuten – für die ambivalente Haltung der städtischen Behörden gegenüber der freien Kulturszene einerseits und der schwachen Position der Kulturschaffenden andererseits (siehe auch Kasten zur Geschichte der Boa).
Die Grenzen verschwimmen.
Beide Seiten haben ihren Anteil daran, dass in Luzern mit dem Ende der Boa auch das (vorläufige?) Ende der Alternativkultur eingeläutet wird. Da ist einmal eine Stadt, welche die Boa über Jahre hinweg wider besseres Wissen mit zu wenig Betriebsgeldern versah und 1999 dann die fatale Umzonung des benachbarten Geländes in eine Wohnzone realisierte. Gebärdet sich der Staat also als Feind der nicht-etablierten Kultur und von kulturellen Freiräumen an sich? Die Situation ist weit komplexer: Da ist nämlich auch eine Stadt, die 2003 ihre Fehler mit einer Vorlage zur Lärmsanierung inklusive Aufstockung des Betriebsbeitrags ausmerzen wollte – und von der Kulturszene allerhöchstens halbherzig unterstützt wurde. Gerade diese verlorene Abstimmung zeigte, dass selbst die relativ kleine, freie Kulturszene seit dem Beginn der Boa Ende der 80er-Jahre selten mehr auf einen gemeinsamen Nenner kam und sich von der Stadt allzu viel gefallen liess. Von Anfang an waren es unterschiedliche Visionen und Erwartungen, welche die Kulturszene in die Boa steckte; und die zu mal produktiven, oft aber unproduktiven Reibereien führten.
Diese Konfliktlinien zwischen Lebenshaltungen, Generationen und Stilen (immer wieder zwischen Musik- und Theaterschaffenden, zwischen Betriebs- und Bargruppe) teilte die Boa mit ähnlichen Institutionen wie der Roten Fabrik in Zürich oder der Kaserne in Basel. Gleichzeitig befand sich die Boa und das nicht-etablierte Kulturschaffen in Luzern inmitten von kul- turellen Entwicklungen, die allerorts das Aufbrechen der Grenzen von E- und U-Kultur, von etablierten und nicht-etablierten Orten bewirkten. So adaptieren Theaterhäuser schon lange ästhetische Spielarten, die früher den freien Theatergruppen zugeschrieben wurden. Aber auch im Hinblick auf die Spielorte wurde das freie Theater nachgeahmt, und so ergibt sich etwa in Luzern das bemerkenswerte Bild, dass das freie Theater, während das etablierte Haus längst auch in Zelten, Schlachthallen und auf Estrichen spielt, nun im «Südpol» ein eigenes «Haus» erhält. Nicht kommerziell arbeitende Kulturhäuser (wie z.B. das Théâtre La Fourmi) veranstalten kommerzielle «Indie-»Partys, um überleben, aber auch das kulturelle Programm sichern zu können.
Alles anders im «Südpol».
Die Grenzen sind also aufgeweicht, und was früher als alternative Kulturstrategie erkennbar war, ist heute eine Option unter vielen. Das Ende der traditionellen Alternativkultur in Luzern lässt sich anhand der Entstehung von Boa und «Südpol» an mindestens vier Punkten festmachen:
1. Das Ende der Unabhängigkeit. Der «Südpol» markiert das Ende der, eigentlich schon seit Jahren verblassten, Independent-Mythologie in Luzern. Von der Idee über die Ausschreibung bis zur Auswahl war der Kulturwerkplatz Luzern-Süd das Projekt der Behörden. Wem das noch Unbehagen auslöst, dem sei hier die passive Kulturszene in Erinnerung gerufen, die weder mögliche Alternativen (z.B. Industriegebäude in Emmen) noch valable alternative Konzepte für einen Weiterbetrieb der Boa vorlegte.
2. Das Ende der Selbstverwaltung. Ebenso kommen Ideen von Selbstverwaltung und Basisdemokratie nicht mehr vor. Das war sowohl zu Beginn der Boa wie auch dem 2000 siegreichen Konzept «Boanova» noch anders. Die Stadt wünschte jetzt, durchaus nachvollziehbar, transparente Führungsstrukturen; die Jury wählte das dazu geeignetere Projekt, dessen Urheber nun ihrerseits wiederum versprechen, die junge, alternative Szene einzubinden. Von allen Seiten gut gemeint, resultiert aus diesem Vorgehen aber alles andere als Selbstbestimmung.
3. Der Konflikt der Generationen. Mit dem «Südpol» (Adi Blum, Urban Frye, Hansruedi Hitz, Sabine Schweizer) realisiert also keine junge Szene, sondern eine Generation von alten Kulturengagierten den neuen Mehrspartenbetrieb. Alle vier waren sie in die Geschichte der Boa involviert – ob als Kämpfer der ersten Stunde, später angestellt oder im Konzeptwettbewerb unterlegen – und kehren nun Jahre später als Kulturmanager oder erfahrene Veranstalter zurück. Das ist natürlich legitim. Was aber machen die jüngeren Generationen?
4. Keine «politische Kultur». Die Zeiten, in denen man Kulturschaffen und Freiräume auch mit einem explizit politischen Anspruch verbindet, sind auch in Luzern vorbei. Natürlich ist nicht auszuschliessen, dass es auch im «Südpol» gelegentlich Veranstaltungen gibt, die soziale und politische Themen aufgreifen. Aber Vorträge und Podien über Imperialismus, 3. Welt oder ein Besuch von Inge Viett, ehemalige Aktivistin der RAF (am 28. Juni in der Boa) wird es kaum mehr geben. Ebenso unvorstellbar scheint heutzutage eine Diskussion übers Sponsoring, die immer wieder für Zoff gesorgt hat. Im allerersten Betriebskonzept wurden beispielsweise Miss-Wahlen (sic!), kommerzielle Modeschauen oder Warenmessen explizit ausgeschlossen.
Was wird aus dem Süden?
Die Durchmischung zwischen E- und U-Kultur heisst aber natürlich auch, dass trotz anderer Strukturen all das, was früher über die Boa-Bühne ging, im «Südpol» stattfinden könnte. Die Frage ist also vielmehr die, inwiefern die junge Szene die Einladung des Konzeptteams annimmt und am neuen Mehrspartenbetrieb mitarbeitet – oder sich andernorts Raum für ihre eigenen Ideen schaffen will und damit vielleicht eine neue Alternative auch zum «Südpol» realisiert. Dabei sollte und wird es weder für die Stadt (nur schon finanziell) noch für die freie Kulturszene um ein neues fixes Haus gehen. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass in der postmodern ausdifferenzierten Szene kleine, spezialisierte Nischen entstehen, die weniger Anspruch auf eine lange Lebensdauer setzen. Erste Anzeichen sind jetzt, wo das Ende der Boa absehbar wird, bereits auszumachen – kleine, zum Teil illegale Orte, an denen zwar eher Partys und weniger Konzerte stattfinden, die aber andeuten, dass sich die neue Generation ihre Wege und Orte suchen wird. Ausserdem hat die Jazz-Impro-Reihe «Musikfestwochen» im Novilon (Baselstrasse) mit einem erstaunlichen Besuchererfolg gezeigt, dass ein Bedürfnis für das kleine und intime Konzerterlebnis auch über die Musikerkreise hinaus vorhanden ist.
Diese Entwicklungen sollten für die Luzerner Kulturpolitik endlich auch Anlass sein, mit der Kulturraumoffensive abzuschliessen und den Schritt zu einer konsequenten Förderung von Inhalten zu wagen. Die Hayek-Studie hat fraglos zwei Jahrzehnte der Luzerner Kulturpolitik und Bauten wie KKL und Boa, Kunstpanorama und Schüür vorgespurt. Wenn die Stadt die junge Szene wie vor 20 Jahren ernst nehmen will, muss sie aber ihre Strategie ändern und kurzfristige Projekte an unterschiedlichen Orten niederschwellig ermöglichen. Denn eines haben die freien Projekte trotz aller Unterschiede wirklich gemeinsam (vielleicht ist genau das weiterhin das «Alternative» an ihnen): Sie sind existienziell auf Staat und Stiftungen angewiesen, weil die Privatwirtschaft kaum Interesse für diese lebendigen und für eine Kulturstadt wichtigen Nischen zeigt.
Text: Matthias Burki; Mitarbeit: Christoph Fellmann
Das Kulturmagazin, Juni/Juli 2007
Das war die Boa – eine kleine, unvollständige Chronologie
1984: Stadt erwirbt die Fabrikanlage der Boa AG, um dort Kleingewerbe anzusiedeln.
3. November 1987: Boa wird der Baudirektion über- geben, anschliessend Zwischennutzungen durch Theaterproduktionen, als erste «ecco rondo».
1988: Hayek Engineering AG schlägt in ihrem Bericht zur Optimierung der Luzerner Kulturräume die Boa als Kulturraum für die junge Kultur vor.
4. Dezember 1988: Ablehnung der Initiative «Für ein Kulturzentrum in der Boa-Liegenschaft» (u.a. 50% der Fläche für die Kultur), 58% Nein.
20. Oktober 1991: Zustimmung des Luzerner Stimmvolks zum Um- und Ausbaukredit von 6,3 Mio. Franken.
1. Dezember 1995: Eröffnung der umgebauten Boa, nach einer langen Verzögerung wegen Einsprachen.
1999: Umzonung des Nachbargrundstücks in eine Wohn- und Geschäftszone.
23. Mai 2000: Das basisdemokratische «Boanova» gewinnt im umstrittenen Konzeptwettbewerb.
18. Mai 2003: Ablehnung der (Lärm-)Sanierung des Kulturzentrums Boa (52 % Nein-Stimmen).
Januar 2006: Ein Komitee aus Kulturschaffenden kündigt die Initiative «Ja zur Boa» an (Weiterbetrieb für 6 Jahre), die im Juli 2006 wieder zurückgezogen wird.
12. Februar 2006: Abstimmung zum Kulturwerk- platz Luzern-Süd Inkl. Umzonung Boa-Liegenschaft), 64% Ja-Stimmen.
29. Juni 2006: Stadtparlament lehnt mit Stichentscheid des Präsidenten eine Übergangslösung bis zur Eröffnung des Kulturwerkplatzes Luzern-Süd ab.
5. November 2007: Voraussichtlich Beginn des Umbaus zum Verteilzentrum der Post.
