Die Jury für den Kulturwerkplatz Luzern-Süd
sorgt mit dem Entscheid für die Gruppe «südpol» in der jungen Musikszene für gehörigen
Unmut. Alte Generationenkonflikte zwischen Theater- und Musikszene brechen
wieder auf. Ein Grund zur Besorgnis?
Für einige Tage wähnte man sich im sonst so
beschaulichen Kulturluzern inmitten eines neu aufbrechenden Kulturkampfs. Der Entscheid
der Kulturwerkplatz-Jury für das Konzept «südpol» (siehe Kasten) sorgte nicht
nur für Frustrationen, sondern gleich für mehrere Stellungnahmen und Proteste.
Erst warfen die Jungsozialisten in einem reisserischen Mediencommuniqué dem
Stadtrat vor, das Versprechen an die junge Alternativkultur gebrochen zu haben
und kritisierten die Befangenheit der Jury (Jurymitglied Peter Bühler und Hansruedi Hitz, Teil des Siegerteams, sind beide
aktiv im Vorstand der IG Kultur Luzern). Dann wehrte sich das unterlegene Team Kulturverein
Luzern-SUD gegen die Begründung der Jury, die an ihrem Konzept unter anderem die
Musiklastigkeit, zu hoch kalkulierte Gastroeinnahmen und mangelhafte
Organisationsstrukturen kritisierte. Schliesslich riet die IKU Boa eindringlich,
den Musik- und Theaterbereich an eine separate Trägerschaft zu vergeben.
Ausserdem bezweifelt die IKU Boa, dass die Hallengrösse mit einem
Fassungsvermögen von 450 Personen, also ca. 100 weniger als in der Boa, für
einen ausgeglichenen Betrieb am Rande von Luzern ausreicht. Sowohl
Stadtpräsident Urs W. Studer wie auch Jury-Präsident Patrick Deicher wiesen die
Vorwürfe vehement zurück und verteidigten den Jury-Entscheid. Der Kulturverein
Luzern-SUD wird, wie Sprecher Marco Liembd versichert, keinen Rekurs einlegen,
könnte einen solchen einer aussenstehenden Person durchaus verstehen.
Die Ruhe vor dem Sturm?
Wie auch immer man die Wahl von Konzept und
Personen beurteilt und wie man sich in der Frage der Befangenheit der Jury
stellt – den heftigen Reaktionen haftet ein Versäumnis und ein Missverständnis
an: Die junge Musikszene wird mit diesem Entscheid nicht brüskiert, weil der
Kulturwerkplatz Luzern-Süd weder als rein «junger» Kulturort geplant noch als
Kopie der heutigen Boa geplant war – schliesslich sollte auch die freie
Theaterszene wieder integriert werden. Ohnehin ist das exquisite Musikprogramm
der Boa auch heute eher für Musikliebhaber zwischen 25 und 45 Jahren
programmiert. Versäumt haben die Kritiker, die genannten Kritikpunkte schon
früher und öffentlich zur Debatte zu stellen, obwohl alles schon hinlänglich
bekannt war.
Folgerichtig führt nichts daran vorbei, den Jury-Entscheid zu akzeptieren,
selbst wenn einem die Wahl nicht passt – zumal aufgrund Juryberichts eine
seriöse, fundierte Auseinandersetzung vorausgesetzt werden kann. Die Jury hatte
überdies auch nicht den (kulturpolitisch durchaus vorstellbaren) Auftrag, auf
Biegen und Brechen einen Generationenwechsel herbeizuführen.
Trotzdem bleiben Zweifel.
Stehen wir also nur vor den letzten
Nachgefechten eines umkämpften Wettbewerbs? Die Zeichen deuten leider auf eine
andere Interpretation: Auch manch alter Kämpfer in der Kulturszene hätte sich
gewünscht, dass im Kulturwerkplatz mit einem jungen Team frischer Wind in die
Szene kommt und der Schnitt zur Boa endgültig ist. So aber wird die leidige
Geschichte der Boa an den Stadtrand von Luzern weitergetragen: Mit Adi Blum, Hansruedi Hitz und Sabine Schweizer waren im Jahr
2000 gleich drei der vier SiegerInnen in zwei Teams im Boa-Konzeptwettstreit
unterlegen. Selbst wenn offenkundig höchstens die Hälfte des Teams der
Theaterszene zuzurechnen ist, wird der alte Konflikt zwischen Älteren,
vorwiegend Theaterschaffenden und Jüngeren, vor allem Musikveranstaltern unter
neuen Vorzeichen wieder hoch stilisiert – mit dem Unterschied, dass auf Seiten
der Jungen jetzt andere Kräfte ihre Ideen verwirklichen möchten. Dass hier
Werte und Lebenshaltungen aufeinanderprallen, zeigte sich etwa in den
Gesprächen, welche das Siegerteam mit den damals noch zwei Mitbewerbern vor der
letzten Juryrunde führte – Marco Liembd vom Kulturverein Luzern-SUD spricht
denn auch von einem anderen «Groove».
Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, wie
es dem Projekt «südpol» (und der Stadt) gelingt, auf allen Ebenen die junge
Musikkultur ins Konzept zu integrieren. Die Bekenntnisse dazu sind da, das
Konzept wird Anfang Mai der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Gegenzug bleibt zu
hoffen, dass auch die junge Szene nach dem ersten Ärger die Animositäten
zurücksteckt und die Chance packt, welche die neuen, durchaus auch
attraktiveren Produktionsbedingungen im ehemaligen Schlachthof-Areal bieten. Die
«alte Garde» will ohnehin im Hintergrund arbeiten, wird alle Stellen
ausschreiben und die Kooperation mit freien Veranstaltern suchen. Wenn nicht,
besteht die grosse Gefahr, dass das Potenzial an Engagierten und Publikum nicht
ausreicht, um den Kulturwerkplatz ab Herbst 2008 erfolgreich betreiben zu
können.
Text: Matthias Burki
Das Kulturmagazin Mai 2007
Am Schluss des öffentlichen
Wettbewerbs für den Kulturbetrieb im Kulturwerkplatz Luzern-Süd standen sich
folgende zwei Konzepte gegenüber: Das von Jury und Stadtrat gewählte Konzept
«südpol» (Adi Blum, Urban Frye, Hansruedi Hitz,
Sabine Schweizer) und «SUD» (Reto Achermann, Franco Chiovelli, Stefan
Chiovelli, Matthias Fellmann, Lukas Hodel, Julio Iglesias, Marco Liembd, Arndt
Schafter, Mark Steffen, Gregi Zeder).
Homepage ab 10. Mai: www.suedpol-luzern.ch