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«Wir wollen höher hinauf»

Seit zweieinhalb Jahren – die Hälfte seiner Vertragsdauer – leitet Dominique Mentha das Luzerner Theater. Eine Zwischenbilanz.

Herr Mentha, werden Sie ab und zu noch auf Ihre Vorgängerin Barbara Mundel angesprochen?
Ja.

Und was sagen dann die Leute?
Manchmal Positives, und manchmal Negatives.

Vor zweieinhalb Jahren haben Sie das Haus von Barbara Mundel übernommen. Welche Ihrer Ziele haben Sie seither erreicht?
Zuallererst: Die Kommunikation mit dem Publikum ist heute besser. Natürlich wird auch heute noch gelegentlich über eine bestimmte Produktion reklamiert – doch führt dies nicht mehr zu diesen ganz einfachen Reaktionen, die es unter Mundel noch haufenweise gab. Das Publikum akzeptiert heute auch schwierige oder ungewöhnliche Stücke als Teil dieses Hauses. Was Barbara Mundel angefangen hat, gehört heute zu diesem Theater. Bei Ihrem Start war die Position des Theaters im Publikum und in der Politik brüchig.

Sie glauben also, sie ist wiederhergestellt?
Auf jeden Fall ist sie besser – in der Politik, bei gewissen einflussreichen Leuten, aber auch beim ganz normalen Theatergänger. Mir ist aber noch ein anderer Punkt wichtig: Wir haben die Zahl der Vorstellungen, die sich mit neuen Texten, neuer Musik und neuem Tanz auseinandersetzen, deutlich nach oben geschraubt und hatten auch Erfolg damit. Hausintern herrscht heute das Selbstverständnis, dass neue Stoffe zu unserem Beruf gehören.

In vielen Interviews knüpfen Sie den Innovationsanspruch immer wieder an die Aufführung neuer Stücke. In der Pflege des älteren Repertoires beweisen Sie nicht immer gleich viel Innovation.
Ich halte unsere Arbeit für innovativer als die unserer Vorgängerin. Damals gingen die Inszenierungen – oft sehr überzeugend – in eine immer ähnliche Richtung. Wir zeigen heute mehr Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Zholdak, Fritsch, Jäggi im Schauspiel, oder Gürbaca, Nemirova oder Hermann im Musiktheater: Das sind ganz unterschiedliche Erzählweisen. Wenn Sie in einer grossen Stadt ein Theater unter vielen leiten, dann können Sie sich streng für eine Ästhetik entscheiden. Wir haben hier in Luzern einen anderen Auftrag. Es hat ja einen Grund, dass wir nicht mehr diese Probleme mit einzelnen, vielleicht schwierigen Inszenierungen haben: Die Leute, die damit Mühe haben, wissen, dass auch wieder Inszenierungen kommen, die ihnen gefallen.

Welche Stimme fällt Ihnen und Schauspielchef Peter Carp als Hausregisseure in diesem Chor der Erzählweisen zu?
Ich selber begegne dem Leben mit einer gewissen Leichtigkeit. Ich suche mir für meine Inszenierungen Stücke heraus, wo ich mit einer vielschichtigen Erzählweise Tragisches und Leichtes hervorhaben kann und auch eine gewisse Ironisierung Platz hat. Als Beispiel möchte ich da den Regissuer Ernst Lubitsch nennen. Was Peter Carp betrifft, holt er neben sich ja immer wieder Regisseure nach Luzern, die eine sehr starke, eigenwillige Handschrift haben. Er selber steht in dieser Konstellation dafür, die Geschichte, den Text und die Schauspieler ins Zentrum zu stellen. Peter Carp verlässt das Luzerner Theater Ende Saison.

Wird Andreas Herrmann nicht nur seine Stelle, sondern auch diese ästhetische Position von ihm übernehmen?
Nein. Eine neue Person soll seine Aufgabe mit seinem eigenen Stil angehen. Andreas Herrmann hat seine eigene Theatersprache. Aber es bleibt auch eine Tatsache, dass in einem so kleinen Bühnenraum die Ensembles das grösste Potenzial sind. Es ist hier nicht möglich, sich hinter grossen ästhetischen Konzepten zu verstecken. Auch darum haben wir Andreas Herrmann geholt: Er war selber ein sehr guter Schauspieler und hat ein gutes Gefühl fürs Ensemble.

Es gibt ja immer wieder Ausbruchsversuche aus der kleinen Bühne des Luzerner Theaters: Werden Sie weiterhin regelmässig Aussenspielorte bespielen?
Ja, aber ich muss auch sagen, dass das Angebot an tollen Orten in Luzern beschränkt ist. Nächste Saison werden wir wieder Aussenspielorte haben, aber auch das UG intensiver bespielen. Ab 2008 werden wir uns vermutlich auf den Kulturwerkplatz Luzern-Süd konzentrieren.

Suchen Sie dort vor allem eine zweite Bühne, oder suchen Sie auch die Zusammenarbeit mit der freien Theaterszene, die ja im Kulturwerkplatz zu Hause sein wird? Unter Barbara Mundel ist eine solche Zusammenarbeit ja mehr oder weniger gescheitert.
Es ist so, dass wir eine solche Zusammenarbeit – auf Basis von Mundels Erfahrungen – bisher nicht forciert haben. Mit dem Kulturwerkplatz gehört sie dazu. Was auch heisst, das Verhältnis zwischen staatlichem und freiem Theater neu zu denken.

Im Februar haben Sie die Zahlen der Saison 05/06 veröffentlicht. Es geht zwar aufwärts, aber langsamer als erhofft. Warum?
Ja, wir haben uns vorgestellt, es gehe schneller. Natürlich machen wir uns über die Gründe Gedanken, und wir fragen uns unter anderem auch, welche ästhetischen Gründe es sein könnten.

Zum Beispiel?
Ich glaube, die Luzernerinnen und Luzernern mögen eine emotionale Theatralik. Vera Nemirova («Rigoletto», «Dreigroschenoper») zum Beispiel hat diese direkte, stark emotionale Handschrift, und davon lassen sich die Leute berühren. Diese Emotionalität gelingt uns nicht immer, und manchmal – wie bei «Romeo und Julia» – suchen wir sie auch gar nicht.

Sie haben sich nach Ihrer ersten Saison über die zu grosse Konkurrenz beklagt.
Einige Leute haben sich aufgeregt, andere kamen zu mir und sagten, ich hätte Recht. Sicher ist: Es braucht Konkurrenz, und es wäre absurd, bestehende Angebote abzuschaffen. Aber man muss sich über dieses riesige Kulturangebot in Luzern im Klaren sein, es akzeptieren und mit den Konsequenzen leben. Wir können und müssen am Luzerner Theater die Spitzenresultate der Achtzigerjahre nicht mehr erreichen, als es noch kein KKL und keine Boa gab. Man darf sich von diesem Auslastungsdruck nicht lähmen lassen, er macht hysterisch und zerstört die Kreativität, so dass man den Unterschied zwischen populär und populistisch nicht mehr erkennt. Aber, klar: Wir wollen höher hinauf mit den Zahlen.

Sie sollen gesagt haben, die Stadt müsse in ihrer Förderungspolitik regulierend auf das wachsende Angebot wirken.
Selbstverständlich habe ich das nie gesagt. Aber ich würde mir gut überlegen, nochmals ein Theater oder ein Museum zu eröffnen. Das meine ich. Man muss den Institutionen, die schon existieren, auch eine Chance zum Überleben lassen.

Ihr Vertrag läuft noch zweieinhalb Jahre. Welche Ziele haben Sie noch?
Ich befinde mich gerade in einer Phase, in der ich mir grundsätzliche Gedanken mache.

Auch über eine allfällige Vertragsverlängerung?
Erste sehr positive Gespräche bezüglich einer Vertragsverlängerung haben bereits stattgefunden. Mehr Informationen dazu kann ich erst im Mai geben.

Interview: Christoph Fellmann
Das Kulturmagazin, April 2007