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Tag für Tag

 

 

 

 

 

 

 

 

FR 22. April, 21 Uhr

Light Movements - VideoLichtTanzMusik am Festival 3Moment, Braui Hochdorf

 

Der politische Stadt-Land-Konflikt schimmert auch in der Kultur immer wieder durch: In Hochdorf werden wir als Luzerner Truppe (die zwar alle irgendwo verstreut in der Region aufgewachsen waren) willkommen geheissen - als ob diese Distanz überhaupt nennenswert wäre. Sie ist es, auch verständlicherweise, darum, weil die Stadtluzerner manchmal schon sehr träge sind. Für die Landkulturfreaks ist es selbstverständlich, für Ihre kulturellen Highlights nach Luzern, Zug oder Zürich zu reisen. Die Städter dagegen reisen, mal ganz pauschal überspitzt, meistens nur für die Stanser Musiktage, die Alpentöne und das Jazz Festival Willisau weg, und hoffen auf eine gute Rückverbindung. Da wird dann schon ein Ausflug in den Sedel zur Mühsal. Und wie oft wurde dieses kleinstädtische, ja bürgerliche Argument beim Kulturwerkplatz Süd (Schlachthof) schon gebraucht? Oft von denselben Leuten, die vom soooo wahnsinnigen Kulturangebot in Berlin schwärmen, das sie in ihren Ferien ausgiebig nutzen und dafür stundenlange U-Bahn-Fahrten in Kauf nehmen.

 

Gleichzeitig ist auch ein latenter Stadt-Komplex bei den Land-Kulturschaffenden festzustellen, verständlich, aber manchmal auch unnötig. So wird bei manchen alles nur noch durch die Stadt-Land-Brille angeschaut, der schlechte Besucheraufmarsch ebenso wie die fehlende Berichterstattung oder Vorschau. Das ist einfach und stimmt auch ab und zu, ist aber halt auch nur die halbe Wahrheit ... Das Kulturleben auf dem Land ist so gut, dass es dieses Wehklagen nicht nötig hat.

 

Das alles als Randnotiz zu einer Veranstaltung, die fast idealtypisch Stadt und Land versöhnt hat, wie die Charakterisierung bei "Publikum" zeigt.


Express-Böxli:

Publikum: Seetaler Prominenz, Heimweh-Hochdorfer und Luzerns Video-Impro-Tanz-Freaks
Kunst: Kunst, schwere Impro- und andere Kost zwar, für einmal aber erfrischend leichtfüssig
Stimmung: "Sie sind Teil eines Kunstwerks" (Organisator), dementsprechend fröhlich und mitfiebernd
Dekor: Nur schon auf den Braui-Turm und das ganze kulturelle Umfeld mit Restaurant, Bibliothek etc. darf man in Luzern neidisch sein
Flirtfaktor: brauchte Improvisationstalent
Satz des Abends: Kennen wir uns nicht aus der Pfadi? (Unbekannter zu Peter Fischer, Direktor des Kunstmuseums)
Gesamteindruck: *****

Satz des Abends II: Hesch de tüüferi Sinn gseh?

Special: Der Kultur auf dem Land hat das Kulturmagazin im April 2004 eine Ausgabe gewidmet. Sie können diese hier für nur sechs Franken nachbestellen.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

DO 21. April, 20 Uhr

schön & gut, Begegnungszentrum Schenkon

 

So muss es sein: Das literarische Kabarettduo schön & gut (Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter) schenkt dem armen Kultur-Junkie ein T-Shirt mit der Aufschrift "schön & gut" - damit er nicht auf jedem Foto mit den gleichen Kleidern posieren muss. Nachahmer erhalten in diesem Tagebuch eine Werbezeile von mindestens drei Zeilen.

schön & gut ist das schönste Kabarett-Duo der Schweiz, welches das guteste literarische Kabarett der Schweiz aufführt, das schönste Merchandising hat (T-Shirt), überhaupt gut aussieht und schön auftritt, Journalisten zu schönen Wortspielen verleitet, die bei den LeserInnen gut ankommen und - finallement - deren CD in jede gute Stube gehört: www.schoenundgut.ch
 

Ein aktueller Einschub im Programm von schön&gut zum Gegenpapst, der übrigens vor kurzem eine Kampagne des Luzerner Werbeateliers Velvet für die Kammerspiele München scharf attackiert hat, löst in Schenkon grosse Diskussionen aus. Darf man Gottes Fügung kritisieren? Ist eine klare Linie eine klare Linie? Ist der Papst nicht einfach DER Papst. Unser Papst. Stapp!

 

Express-Böxli:

Publikum: Mittellandstand

Kunst: Wie kann man es besser erklären als der Name des Duos?

Stimmung: begeistert und an den komischsten Stellen laut aufklatschend

Dekor: spartanisch, Koffer und Bank auf der Bühne

Flirtfaktor: prickelnd vor allem auf der Bühne

Satz des Abends: Jesus ist somit von Josef geboren worden (zur Ratzinger-Debatte)

Gesamteindruck: *****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MI 20. April, 17-19 Uhr

Fumetto - Comix-Festival, Luzern

 

Fumetto ist die (erfolgreiche) Geschichte einer organisch gewachsenen Superidee - und irgendwie ein Mysterium. Niemand  - ob Comic-Experte oder Publikum - konnte mir auf der Tour erklären, wieso Fumetto so wahnsinnig viele Leute anzieht. Klar, Comics sind beliebt, klar, der Wettbewerb verspricht Breite, klar, die Kornschütte liegt unübertrefflich im Zentrum, die erstaunliche Medienpräsenz in der ganzen Schweiz, die Präsenz in zig Schaufenstern und, und, und.

Und trotz aller Installationen, Spezialausstellungen etc. scheint diese wahnsinnige Leistung der Fumettos und Fumettas irgendwie unglaublich. Schliesslich dreht es sich um eine Kunst, die sonst vorab zwischen zwei Buchdeckeln zu lesen ist. Ein Vorbild für andere Kunstsparten?

 

Express-Böxli:

Publikum: Comic ist eine Massenbewegung (die Emmi-Bauern waren allerdings nicht mehr in Luzern zu sehen)

Kunst: Comixxxxx

Stimmung: Ausstellungen, wo reden erlaubt ist

Dekor: schlicht bis verspielt, geprägt von den Räumlichkeiten

Flirtfaktor: Zur richtigen Zeit vor dem richtigen Bild

Satz des Abends: Man kann nicht alles im Kopf behalten, was es hier gibt

Gesamteindruck: *****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DI 19. April, 20 Uhr

Finnischer Abend mit Christian Gasser: Loge, Luzern

 

Christian Gasser ziehts amouröserwesie immer öfter in den kühlen Norden, und wir vermuten, dort wird er auch diesen Sommer verbringen. Wieso ich solch intime Details verbreite? Weil Gasser seine Wohnung von Juni bis Oktober untervermietet:

 

Wohnung: Geräumige 5-Zimmer Altbauwohnung mit Parkett, grossen Fenstern und vier kleinen Balkonen.  Davon würde ich allerdings zwei Zimmer abschliessen, das heisst, es wären 3 Zimmer bewohnbar:
Schlafzimmer, grosses Wohnzimmer (mit Gästesofa), Arbeitszimmer/Gästezimmer, geräumige Küche (mit Esstisch und kleinem Balkon), 1 WC, 1 Dusche, 1 Badezimmer mit Badewanne und WASCHMASCHINE, Wohnfläche: ca 80-90 qm. Die Wohnung ist möbliert, voll eingerichtet, inklusive Geschirr, Bettwäsche etc.
Lage: Kasimir-Pfyffer-Strasse 16.
Die Lage im Bruchquartier ist sehr zentral (10 Minuten zu Fuss vom Bahnhof)
und sehr ruhig (grosser Innenhof auf der einen, verkehrsberuhigte Strasse
auf der anderen Seite).
Mietzins: Anteil, 1200 CHF pro Monat (inkl. Nebenkosten) ­
Wunschmieter: Vertrauenswürdig, sauber, ruhig und wenn möglich Nichtraucher (und, falls doch Raucher, nur in der Küche und auf den Balkonen rauchen.) Keine Haustiere.
Kontakt: T 041 240 03 15

Express-Böxli:

Publikum: Von mitteljung bis mittelalt, eine aufregende Mischung aus Finnen, Finninnen, Comic-Freaks, Loge-Fans und Gasser-Kennern

Kunst: vergnügliches Live-Hörspiel mit finnischem Tango

Stimmung: fröhlich

Dekor: "Könnte auch in Berlin sein" (als Kompliment gedachte Bemerkung meiner Begleitung)

Flirtfaktor: heiss wie die Sauna, kühl wie ein finnischer See (je nach Gusto)

Satz des Abends: Wir sind glücklich, wenn wir traurig sind

Gesamteindruck: *****

Special: Der Publikumsandrang machte die kleine, schmucke Loge zur Sauna, und liess die Veranstalter ohne saubere Weingläser zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MO 18. April, 20 Uhr

Salon Philosophique: Ludwig Wittgenstein, Werkstatt für Theater, Luzern

 

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man nicht schreiben.

 

Express-Böxli:

Publikum: linksbürgerlich-kultur-intellektuell, das auch mal kurz die Augen schliesst

Kunst: ergreifend (Musik: Albin Brun), aber auch kaum zu fassen (Texte Wittgensteins)

Stimmung: warm

Dekor: warm

Flirtfaktor: Geben Sie zu, dass Sie immer diese Kategorie zuerst lesen!

Wort des Abends: Denkraum

Gesamteindruck: *****

Special: Luzern verliert im Juni mit der Werkstatt für Theater (hoffentlich nur vorläufig) einen der kreativsten und warmherzigsten Kulturorte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SO 17. April, 18 Uhr

Theater Klara spielt "DNA", Boa, Luzern

 

Die Grenzen der Künste, Teil 1.

Jede Kunstsparte verfügt über Horizonte und Stilmittel, die andere so nicht schaffen. So etwa die Intensität und die Körperlichkeit in Theater oder Tanz. Gerne wird aber verschwiegen, dass diese Kunstformen, weil sie so einzigartig sind, eben auch Nachteile haben.

 

Was können Schauspieler auf der Bühne noch machen, wenn das Publikum längst begriffen hat, dass die gespielte Figur sauhässig ist? Modern schreit man dann noch eine halbe Minute weiter. Oder man tanzt und fuchtelt über die Bühne. In solchen Momenten wünschte man sich nichts Sehnlicheres als die Schlichtheit eines Erzählers. Aber was tun mit den Schauspielern? Die können sich ja auch nicht in Nichts auflösen ...

Muss, wenn der Erzähler von einem Gewitter spricht, im Hintergrund noch über Tonband das Wolkengezeter abgespielt werden?

 

Das alles bringt auch das Theater Klara in Schwierigkeiten, selbst wenn es natürlich an dieser Stelle auch unfair ist, dies an einer der besten Schweizer freien Theatertruppen zu demonstrieren. Die Aufführung "DNA" ist sehenswert und lang und verspielt, manchmal schrill, manchmal absurd-genial, manchmal (durchaus lohnende) Schullektion.

 

Express-Böxli:

Publikum: aufgeschlossen, kulturinteressiert, Theater-vernarrt

Kunst: avantgardistische Wissenschafts-Lektion

Stimmung: man kennt und küsst sich

Dekor: funktional-spartanisch (Bühne), Kerzenschein (Bar)

Flirtfaktor: man kennt sich schon

Satz des Abends: Und, wozu? (Satz am Ende des Stücks)

Gesamteindruck: ****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SA 16. April, 11 Uhr

Zuger Kulturapéro, Museum in der Burg, Zug

 

Willkommen auf Tour! Hier steht einiges auf dem Spiel: Werde ich diesen Kulturmast-Monat schadlos überstehen? Wird sich mein Umfeld resigniert von mir abwenden? Werden Selbsthilfegruppen gegründet? Muss ich danach auf Entziehungskur?

 

Mut und Kraft holte ich mir am Zuger Kulturapéro, wo sich morgens um elf über 100 Kulturengagierte und -Sponsoren (eine beeindruckende Zahl) wie jedes Jahr zum Apéro trafen.

 

Kultur ist samstags um elf Uhr älter als am Abend zuvor. Freestyle ist die beste geistige Weckmethode, noch vor der Morgenmesse und dem Blick in die Zeitung.

 

Beruhigend und erschreckend zugleich: Kultur ist hier wie dort natürlich auch Beziehung, Klüngel, Szene, und hier wie dort wird über den Zustand der Gesellschaft und die Entwicklung der Medien (gerne) lamentiert. Den KulturjournalistInnen der Zuger Presse wurde gekündigt, queres Kulturschaffen wird es noch schwieriger haben, Öffentlichkeit zu bekommen, erste Pamphlete wurden am Apéro herumgereicht und man diskutiert in kleinem Kreis Kampfmassnahmen.

 

Express-Böxli:

Publikum: Zuger Kulturprominenz

Kunst: Freestyle-Lektion

Stimmung: Ein Apéro ist ein Apéro ist ein Apéro (das Kulturmagazin wurde sehr warm und herzlich empfangen)

Dekor: museal

Flirtfaktor: der Uhrzeit entsprechend

Satz des Tages: Hey, jo, Kultur, was gaht ab? (Thomas Murer von 3Sächser)

Gesamteindruck: *****

 

 

* bitte nie mehr

** nicht zu empfehlen

*** Mittelmass

**** sehenswert

***** sehr sehenswert

****** Sensation