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Tag für Tag

 

 

 

 

 

 

 

 

(Bildlegende: Hier wird, wie das Plakat besagt, rauchfreie Kultur angeboten. Andere Drogen sind durchaus erlaubt, wie das bei mehreren Fotos hartnäckig geschlossene rechte Auge des Kultur-Junkies beweist).

 

Fr 29. April, 20 Uhr

Friday Night Music, Tropfstei Ruswil

 

Am Beispiel des Tropfstei lässt sich der Stadt-Land-Unterschied nochmals gut thematisieren. Meine bisherigen Besuche haben gezeigt, dass sich bei den meisten Veranstaltungen "auf dem Land" die Veranstalter (Ausnahmen gibt es natürlich, etwa die Werkstatt für Theater) bedeutend mehr Mühe geben, gute Gastgeber zu sein. Sei es durch das Dekor, durch spezielle Angebote zum Essen (im Tropfstei die berühmten Brötchen oder der Apfel-Mango-Saft) und durch eine Herzlichkeit, die der bösen Grossstadtwelt in Luzern manchmal abgeht. Natürlich fühlt man sich, wie umgekehrt Ruswiler etwa in der Subkultur Boa, dann oft auch verloren, weil sich dort noch mehr als in Luzern alle kennen und man auch abseits steht.

 

Aufnehmen liesse sich auch die Publikums-Diskussion aus dem Kleintheater-Eintrag (27. April): Das Orchester Bürger Kreitmeier klamaukte, und das Publikum lachte bereitwillig über jeden noch so doofen, plumpen Gag oder Witz. Vielleicht gründe ich bald eine Publikumsgewerkschaft, die "mehr Ernst im Kleinkunst-Publikum" und einen Lachgrenzwert verlangt, der einen Abbruch der Veranstaltung zur folge hat, wenn er überschritten wird.

 

 

Express-Böxli:

Publikum: Alt und jung (das typische aufgeschlossene Kulturkleinkunstpublikum, wie es auf dem Lande und in der Agglo zu finden ist)

Kunst: Gegensätze, die sich am Schluss sogar zu einer gemeinsamen Impro-Rock-Show zusammenfanden: die schrill-schräge Rock-Musik-Kabarett-Show vom Orchester Bürger Kreitmeier und die chansonesk-jazzig-liederhaften, zu einer Gesamtgeschichte verwobenen Stücke von Eva Heller (eine Entdeckung: die Stimme der erst 19-jährigen Werthensteinerin!)  und Christov Rolla

Stimmung: Ruswil forderte Zugabe um Zugabe (auch wenn bei der Heimfahrt eine Luzernerin bemerkte, dass vor allem ein Junge die Stimmung mit seinen Zwischenbemerkungen lockerte: "Das isch ja total luschtig gschpilt")

Flirtfaktor: Wir sind ja alle schon vergeben

Satz des Tages: Die Frau hat aber Power, fast wie Whitney Houston.(Zuschauerin nach dem Auftritt des Duos Orchester Bürger Kreitmeier)

Gesamteindruck: ****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Do 28. April, 21 Uhr

Unverändert lustig!, Lesung und Multimedia-Show, Treibhaus Luzern

 

((Wenn einem bei an sich unterhaltsam-witzigem Programm frühabends um 10 schon mal die Augen für kurze Zeit zuklappen, dann bleibt nur ein Fazit: Diese Tour hat es in sich, und ich mache jetzt ein Nickerchen (und sowieso sollte für diese Tour auch der übliche Arbeitnehmerschutz gelten. Wieso haben sich die Gewerkschaften noch nicht gemeldet?). Für Sie bleibt nichts anderes, als die letzten Einträge auswendig zu lernen und vor allem: Schicken Sie mir Energy-Drinks! Das Tagebuch kommt wieder, keine Frage, am Montag bestimmt. Gehen Sie wieder mal in den Ausgang oder trinken Sie einen Absinth mit Ihrer Grossmutter, anstatt immer in diese viereckige Plastikverpackung zu schauen!))

 

Der Veranstaltungskultur fehlt es an Quacksalbern und Seherinnen: Bisher konnte ich keinen Veranstalter und keine Veranstalterin finden, die jeweils mit Gewissheit voraussagen könnten, wie viel Publikum sie erwarten (dürfen). Veranstalten bleibt eine Lotterie, vor allem auch in veranstaltungsreichen Monaten wie im Goldenen-Barock-Koechlin-Mai.

Gesucht also: der Kulturschmöcker, der die Trends aufspürt und Veranstalter rechtzeitig informiert und berät.

 

Wieso ich gerade im Treibhaus darauf komme: "Unverändert lustig" zog ein halbes Jahr davor ungleich mehr Publikum ins Theater La Fourmi. Dafür gibts natürlich Gründe (Ort, traditionellere, ältere Lesereihe Barfood Poetry, zu kurze Zeitspanne dazwischen etc.). Trotzdem ist immer wieder erstaunlich, wie konservativ respektiv bestimmt das Publikum ist. Es weiss, wohin es will (die positive Interpretation) und lässt sich nicht so gern auf neue Orte ein (die negative Interpretation).

Dasselbe passiert zum Beispiel, wenn etablierte Autoren wie Peter Weber bei Barfood Poetry lesen (das traditionelle Publikum kommt nicht) oder Barfood-Leute Lautpoesie am Literaturfestival im Casino organisieren (das Barfood-Publikum kommt nicht).

 

 

Express-Böxli:

Publikum: Mehr Haare als an den meisten bisherigen Orten

Kunst: Unglaubliches aus dem Blättlerwald, Versandkatalogen, schräge Tondokumente. Eine Lo-Fi-Trash-Mulitmedia-Show.

Stimmung: Das Treibhaus lacht

Dekor: Tische und Kerzenschein in den vorderen Reihen. Die drei Lesenden hockten wie in Batteriehaltung vorne an einem kleinen Tisch, leicht verborgen durch allerlei Gerätschaft

Flirtfaktor: Der Kenner schweigt und flirtet 

Satz des Tages: Wir selber sind nicht lustig (Johannes Binotto zum Ablauf des Abends)

Gesamteindruck: ****

Special: Eine Aufforderung an die alt gewordenen Jungen und die jung gebliebenen Alten: Besuchen Sie wieder einmal die Literaturreihe Treibstoff, auch wenn Sie nicht mehr 25 sind. Es lohnt sich und die Jungen werden Sie nicht vollrappen. Und wer Lust hat, bei Treibstoff mitzuorganisieren, der/die melde sich bei: Melanie Muther, penso@penso.ch, T 079 462 09 81

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mi 27. April, 20 Uhr

Stahlbergerheuss (Kabarett-Tage), Kleintheater, Luzern


Einführung in die Kunst, Publikum zu sein I:

Wähle Deine Sitznachbar/in selber! Wenn du alleine in den Ausgang gehst, kaufe 2 Tickets oder verlange das schlechteste Ticket überhaupt, das bestimmt nachbarfrei bleibt. sonst läufst Du Gefahr, erstens eingepfercht zu sein (das ändert sich im Kleintheater bald!), zweitens die Erfahrung zu machen, dass dein Nachbar die Vorstellung von Beginn weg wahnsinnig lustig findest und du noch lange nicht lachen musst (selbst wenn du die Vorstellung eigentlich gut findest) und, drittens, dass dein Nachbar alles kommentiert, wie du es bisher nur vom Kino (Montags-Kino ist das Schlimmste, was es in dieser Kategorie gibt: Die rabattsüchtigen, kulturfremden kriechen aus ihren Heim-Kinos raus) gekannt hast: Lueg mal die Zähn ah, heieiei ...

 

Manuel Stahlbergers grandiose Text und sein spröd-charmant-beiläufiges-arrogantes Auftreten (danke an Ohne Rolf Christof Wolfisberg für einen Teil der Charakterisierung!) waren mehr als eine Entschädigung für Klaumauk in Publikum und auf der Bühne.

 

Express-Böxli:

Publikum: bunt gemischtes Kleinkunst-Publikum, in der Tendenz Mittelalter

Kunst: wie der Titel des Programms sagt: Musik & Mechanik. Die Lieder und Texte sind, oftmals umwerfend und schön schräg gesungen, die Komik daneben wär oft gar nicht nötig, die Konstruktionen oft auch nicht.
Stimmung: Achtung, fertig, lach

Dekor: Mittels Nähmaschinen werden Gitarren bespielt, Kleinstgitarren und frisierten Ukulelen, Presskanister und einige weitere waghalsige mechanische Konstruktionen

Flirtfaktor: steigt mit dem Wetter

Satz des Tages: Mehr Platz, mehr Luft, mehr Komfort, mehr Bar (Baustellen-Schilder, die auf den Umbau des Kleintheaters hinweisen)
Gesamteindruck: ****

Special: Herzlichen Dank an Brigitte Hürzeler, die ein Glas Wein gesponsert hat!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Di 26. April, 17.15 Uhr

Das Gästezimmer, Wolhusen (Stephan Wittmer: Coming soon)

 

Der Raum in der Zeit des Raums: Eine lange Entwicklungslinie dieses künstlerischen Topos liesse sich in die Kunstgeschichte furchen. Camembert, der genial-dilettantische Käsekonstruktivist, notierte dazu einmal in sein Tagebuch (30x12 cm, Handschrift, 1918): "Räume sind wie Gedanken, die selber auch Räume sind".

Stephan Wittmers vieldeutige Arbeit "Coming soon" setzt sich - in dieser Traditionslinie - ausdrücklich mit dem Gästezimmer als Raum auseinander. Nur schon der Titel evoziert, dass hier bald ein Gästezimmer aufgehen könnte. Noch aber verstellt ein ruppiges, über fast die ganze Fläche platziertes, Holzbrett (Symbol für die Baustelle) den Blick auf den Kasten alias Gästezimmer. Im rechten Eck sehen wir einen zerstörten Raum mit zwei heruntergekommenen Stühlen und einigen leeren Getränkedosen und -büchsen. Abbruch oder Aufbruch? Die Erkenntnis, dass bald etwas anderes kommt, lässt uns warten und staunen, warten und staunen, und bald begreifen wir, dass wir wiederkommen müssen, wenn wir die Veränderung sehen wollen. Das Leben ist in dieser Lesart eine einzige Warteschlaufe.

 

Express-Böxli:

Publikum: jung, dynamisch, gut aussehend (wer war ausser mir noch da?)

Kunst: die Kunst hinter der Kunst vor der Kunst
Stimmung: brumm, brumm, brumm (der Feierabendverkehr)

Dekor: ein Schaukasten vor einem Haus, in der Nähe des Kreisels

Flirtfaktor: Zeig mir Dein Auto!

Satz des Tages: Brumm, brumm, brumm-quietsch, brumm-brumm, quietsch, brumm
Gesamteindruck: ***

Special: Das Gästezimmer, ein Schaukasten, wird seit 1999 von Andi Rieser kuratiert. Eine aussergewöhnliche Idee, Kunst in den Alltag zu integrieren. www.dasgaestezimmer.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mo 25. April, 15-16 Uhr

Picasso-Museum, Luzern

 

Oft wird das Picasso-Museum vergessen (unter anderem auch in unserer Recherche zur Rosengart-Sammlung im April-Kulturmagazin), es wird fast naturgemäss erdrückt durch die grosse Schwester Sammlung Rosengart, wo auch die sieben ersten Gemälde des Museums hinwanderten.

 

Zwischenfrage I: Sind Ausstellungen und Verkäufe in der Bildenden Kunst auch an den Erotik-Faktor gebunden? Literaturanlässe und -zeitschriften haben grössere Erfolgsaussichten, wenn man sie etwa "Erotic Special" nennt, egal, ob sie das halten, was sie versprechen. Die Kunst, so die Erkenntnis daraus, nährt sich halt auch nur aus dem Leben ...

 

Express-Böxli:

Publikum: junge, mittelalterliche Tourist/innen, mehrheitlich fremdsprachig

Kunst: fotolastige Nebenausstellung, die in den Gängen zwar fast zur Hauptausstellung wird (zweifellos gute Fotografien von David Douglas Duncan, vielleicht hätten einige weniger gereicht)
Stimmung: Pscht!

Dekor: alt-ehrwürdiges Am-Rhyn-Haus, um 1618 herum erbaut
Flirtfaktor: Pscht!

Satz des Tages: Wieso kannte Picasso diese Angela?
Gesamteindruck: ****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So 24. April, 14 Uhr

Film, Maxx Filmpalast, Emmenbrücke

 

Nach viel guter, zwischenzeitlich anstrengender Kultur musste nun pure Unterhaltung her. Zwei Erkenntnisse konnten wir dem ansonsten vollkommen inhaltleeren Nachmittag abgewinnen:

- Über das Fernsehen zu fluchen bringt nichts, wenn man gleichzeitig viel ins Kino geht. Der Schwachsinn, der über den Bildschirm flimmert, kam irgendwann vorher im Kino.

- Der falsche Film zur falschen Zeit kann Beziehungen gefährden.

 

Express-Böxli:

Publikum: Agglomeriten

Kunst: Kunst? Welchen Film wir gesehen haben, geben wir unter keinen Umständen preis
Stimmung: Was, Du hast schon vier Kinder?

Dekor: Hollywood könnte so schön sein, ohne Filme, ohne Publikum

Flirtfaktor: nur auf der Leinwand
Satz des Abends: Da drüben wären wir schneller gewesen (an der Kasse anstehend)
Gesamteindruck: * (Klischee, aber war halt so)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sa 23. April, 20.30 Uhr

Kölner Saxophon Mafia (Jazz in Willisau), Foroom Willisau

 

Kurz vor der Abfahrt war ich vor dem Fernseher eingenickt, nichts Sehnlicheres als einen Tag Pause und etwas Ruhe hätte ich mir gewünscht. Die erste Krise? 2 Colas haben mich zwar geweckt, aber die gelassene Stimmung gegenüber der Kunst ging trotzdem verloren, eine rumorige, rebellische Konsumentenschutz-Haltung durchströmte mein Kritikerhirn. Ein Glücksfall also, dass ich hier die Kritik vor der Kritik präsentieren kann und nicht selber sprechen muss: Der Rezensent der "Neuen Luzerner Zeitung" wird, wie er mir glaubhaft versichert hat, in der morgigen Ausgabe von vier zweifellos starken Instrumentalisten schreiben, die den Jazz aber auch nicht jünger machen. Es habe, mit einzelnen Ausnahmen, nicht gegroovt, wirkte eher schwerfällig und Schlagzeug und Bass fehlten halt doch. Kein Wunder, bei geschätzten 10 verschiedenen Saxophonen und 4 mittelalterlichen, sehr sympathischen (keine Mafia-Brillen wie auf den Inseraten) Herren auf der Bühne. (Der Kritiker in der Neuen Luzerner Zeitung wollte übrigens auch einen Verweis auf diese Kolumne machen, die Redaktion hat ihm diese Passage aber leider gestrichen).

 

Knox Troxler hat auch das Programm vom diesjährigen Festival bekannt gegeben: Lucien Dubuis Group feat. Marc Ribot, Saxophon Summit feat. Michael Brecker, Joe Lovano, Dave Liebman; Uri Caine and Bedrock; Jagga Jazzist; Louis Sclavis-Vincent; Courtois; Muthspiel & Muthspiel; homasz Stanko-Bobo Stenson; Big Four feat. Max Nagl, Bradley Jones, Steve Bernstein, Noel Akchoté; In the Spirit of an Cherry; Koch-Schütz-Studer plus Phil minton; Joey Baron; Don Byron's Ivy Divy; Bruno Amstad; Me'shell Ndegeocell & Band u.a.


Express-Böxli:

Publikum: grauere Haare als anderswo (in Verspätung traf mit Yvonne Schärli auch regierungsrätliche Prominenz ein.)
Kunst: Lesen Sie doch zur Abwechslung mal den ganzen Text, oben. Unübertrefflich die witzigen Ansagen zu den Stücken, beeindruckend die Virtuosität und der Variantenreichtum der 1-Instrumenten-Band.
Stimmung: Man kennt und küsst sich oder klopft sich sanft auf die Schultern
Dekor: Eigenwillige Mischung aus umgebauter Industriehalle, Designanspruch (Bar) und schöner "Lichtshow"
Flirtfaktor: Wer auf Hormonschleudergang stand, ging besser zur Oldies-Disco nebenan. Ü 30 übrigens, draussen gabs leckere Pizza vom mobilen Stand
Satz des Abends: Spielst Du auch noch Musik? Nein.
Gesamteindruck: *** (der Grossteil des Publikums würde eher widersprechen)

 


* bitte nie mehr

** nicht zu empfehlen

*** Mittelmass

**** sehenswert

***** sehr sehenswert

****** Sensation